
Trompete statt TikTok: Der Dopaminkick lässt auf sich warten
Während andere durch 15-Sekunden-Videos scrollen, proben 47 Jugendliche freiwillig für Blasmusik-Shows. Die «Young (R)evolution» zeigen, warum ausgerechnet eine alte Tradition gerade wieder cool wird.
Die Blasmusik hat ein Imageproblem. Alt, verstaubt, langweilig sind die geläufigen Vorurteile. In Zeiten, in denen Trends auf sozialen Medien nur zwei Wochen halten und auf dem Handy alle 15 Sekunden das nächste Video wartet, hat die Blasmusik einen schweren Stand. Und auch wenn das Rheintal immer noch gegen den Trend hält, haben immer mehr Vereine Probleme, Nachwuchs zu finden. Warum auch sollen Junge freiwillig stundenlang in Proben sitzen, mit Instrumenten marschieren üben und Stunden ihrer hektischen Woche mit Üben zu Hause verbringen? Doch eine Gruppe Teenager aus dem Rheintal feiert genau diese scheinbar mühsamen Dinge ab: Unter dem Namen «Young (R)evolution» treten sie als Projektorchester auf.
Kaum gegründet, schon Weltmeister
Entstanden ist das Projekt 2017 nach dem Weltjugendmusikfestival in Zürich. Jugendliche aus Montlingen-Eichenwies und Oberriet wollten damals nicht einfach nur spielen und marschieren, sie wollten Hallenshows machen, Choreografien entwickeln, Bewegung und Musik kombinieren. Oder anders gesagt: Blasmusik mit Showfaktor, auch unter der Kategorie «Evolution» bekannt. «Das war für uns aber noch ganz neu, niemand wusste, was daraus wird, ob das überhaupt funktioniert», sagt Patrick Bichler, musikalischer Leiter der Formation.
Schnell konnten fast 50 Jugendliche für das Experiment gewonnen werden. Und es entwickelte sich rasch zu einem spannenden Ensemble. Beim Schweizer Jugendmusikfest 2021 gewann die Formation die Kategorie «Parademusik mit Evolutionen», und es reichte sogar für den Gesamtsieg in der Parademusik. 2024 folgte am Weltjugendmusikfestival in Zürich der nächste Höhepunkt: Gold-Auszeichnung und Weltmeistertitel in der Hallenshow.
Auch wenn sich die Besetzung des Orchesters zwischen den Grossauftritten oft etwas verändert, das Niveau ist hoch. «Wir erwarten, dass unsere Mitglieder auch in einem traditionellen Musikverein aktiv sind», sagt Bichler, dadurch proben diese ausserhalb des Projektorchesters regelmässig. So sind für die Auftritte oft nicht viele Proben notwendig, und der Mitgliederwechsel ist kein riesiges Problem. «Es ist immer spannend, wie steil die Lernkurve ist, wenn die Jugendlichen zusammenkommen und auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten», so Bichler.
Das letzte Mal auf der Bühne stand die Formation am Eidgenössischen Musikfest in Biel letztes Wochenende. Während der Schlussfeier repräsentierten sie dort gleich zwei Sachen: die Zukunft der Blasmusik und die Region Rheintal, die bei der nächsten Auflage Austragungsort des Eidgenössischen sein wird. Passenderweise standen dazu Musikantinnen und Musikanten aus Altstätten, Au, Balgach, Berneck, Heerbrugg, Montlingen-Eichenwies, Oberriet, Rebstein, Rüthi und St. Gallen auf der Bühne. Der Auftritt am Eidgenössischen entstand dabei fast spontan, «die Anfrage kam erst Ende Januar», sagt Bichler und lacht. Zwei Tagesproben später war die Formation aber bereits reif für den Auftritt. Auch am Eidgenössischen Musikfest 2031 wollen sie dabei sein: «Dafür werden wir dann auch wieder Leute suchen», sagt Bichler. Die Anmeldung für den Auftritt des Orchesters läuft meist über ihre Website.
Der Dopamin-Kick kommt nicht nach 15 Sekunden
Dass Blasmusik nicht immer als so hipp wahrgenommen wird, beschäftigt Bichler auch beruflich. Er arbeitet in der IT-Branche und erlebt täglich, wie sich Aufmerksamkeit verändert. TikTok, Gaming, Dauerbeschallung. Alles wird schneller. Kürzer. Muss sofort fertig sein. Deshalb glaubt er, dass Projekte wie «Young (R)evolution» heute wichtiger denn je sind.
Die echten Begegnungen, die Emotionen und das gemeinsame Erlebnis haben einen riesigen Wert.
Das Problem sei nur: Diese Gefühle liessen sich kaum in 15-Sekunden-Videos transportieren. Denn Blasmusik funktioniert genau gegenteilig zur Scroll-Kultur. Man muss Zeit investieren, üben und dranbleiben, genau das sei die grösste Herausforderung. «Der Dopaminschub kommt auch in der Musik», sagt Bichler, «aber halt nicht nach 15 Sekunden.»

